Die große Umwertung

27-01-21 04:12:00,

Jede demokratische Verfassung bündelt die Werte der Gesellschaft und verankert sie als obligatorische Oberziele, als rechtliche Grundordnung. Sie wachsen von der Wertvorstellung eines einzelnen Menschen zu den Grundwerten einer Gesellschaft. Die Werte unseres Grundgesetzes bilden somit die Grundfesten der freiheitlichen und demokratischen Ordnung. Sie sollen insbesondere durch die Rechtsprechung sichergestellt und verteidigt werden und stehen über allen sonstigen Interessen. Als kulturelle Errungenschaften sind sie möglich, aber nicht selbstverständlich. Ihre grundlegenden Ideen müssen stets aufs Neue erworben und bewahrt, gesichert und verteidigt werden.

Das Grundgesetz ist daher als Ergebnis unseres Werteverständnisses und deklaratorisches Zeugnis unserer Geschichte zu sehen. Es verbindet die heutige Demokratie mit ihren Wurzeln in der Freiheits- und Einheitsbewegung des 19. Jahrhunderts, es formuliert eine historische Lehre aus dem Niedergang der Weimarer Demokratie, und es reflektiert die zweifache Diktaturerfahrung dieses Jahrhunderts (1). „Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen, von dem Willen beseelt, seine nationale und staatliche Einheit zu wahren und (…) dem Frieden der Welt zu dienen“ (2), sichern die wesentlichen Werte unseren menschlichen Zusammenhalt und bilden die Garantie für mehr als 70-jährigen Frieden:

Menschenwürde, Leben, innere Sicherheit, individuelle Freiheit, rechtliche Gleichheit, soziale Gerechtigkeit, Volkssouveränität und Demokratie, der Schutz der Privatsphäre, Ehe und Familie, religiöse und weltanschauliche Überzeugungsfreiheit sowie Minderheitenschutz, wirtschaftliche Handlungsfreiheit, Kommunikationsfreiheit, Unabhängigkeit der Wissenschaft, Pluralismus, aber auch Bürgerpflichten und Bürgerverantwortung.

Vor diesem Hintergrund ist es auch in der Rückschau erschütternd, dass die breite Mehrheit der Bevölkerung diese wertvolle Grundlage friedlichen Zusammenlebens mit der im März staatlich ausgerufenen epidemiologischen Lage von nationaler Tragweite freiwillig — von wenigen Ausnahmen abgesehen — in vorauseilendem Gehorsam aufgab. Denn die staatlich verordneten Schutzmaßnahmen schränkten unverhältnismäßig, oftmals evident unsinnig fast ausnahmslos jedes Grundrecht der Bürger ein.

Die Rettung der bedrohten Risikogruppe um jeden Preis und eigene Angst waren anfangs bei vielen sicher edle und verständliche Motive, wurden bei Erkennenmüssen der tatsächlichen Gefährdungslage unter dem Deckmantel einer angeblichen Solidarität aber schnell zu einem kollektiven Selbstbetrug. Denn Hauptopfer der Krise waren und sind die Schwächsten der Gesellschaft. Es ist kein echtes Mitgefühl für diese Menschen — es scheint fast so, als hätte die Gesellschaft gerade eines verlernt: das Fühlen. Für sich. Und für das wahre Leid des anderen.

Sucht man nach den Ursachen für diese gesellschaftliche Lieblosigkeit, drängen sich schnell ungesunde Entwicklungen auf.

Nach der Corona-Hysterie kündigt sich eine nicht weniger bedrohlich inszenierte Klima-Hysterie an.

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