Chancengleichheit – der unerfüllte Mythos

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15-05-19 07:27:00,

Heinz Moser / 15. Mai 2019 –

Seit den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts ist die Chancengleichheit ein Thema der Bildungspolitik. Wo stehen wir heute?

In der Schweiz setzte man in den vergangenen 50 Jahren viel weniger auf die Akademisierung der Ausbildungen als im Ausland, da mit dem System der Berufslehre ein bewährtes Ausbildungssystem existierte, das so bodenständig wie unser Land war und «Akademisierung» als Schimpfwort mit Ängsten über eine ausgedehnte Arbeitslosigkeit verband. Man zeigte mit dem Finger auf andere Länder wie Italien, wo alles über «Schule» lief – und dies mit negativen Konsequenzen.

Mit dem sich immer stärker ausweitenden Dienstleistungssektor wurde indessen deutlich, dass man auf dem traditionelle Modell einer abgeschlossenen Berufslehre nicht einfach sitzen bleiben konnte: So setzte man verstärkt auf weiterführende Anschlüsse innerhalb des Berufsbildungssystems, welche begabten Jugendlichen einen höheren Ausbildungsabschluss versprachen.

Die Höhere Bildung an den Kaufmännischen Schulen

In ihrer 2018 abgeschlossenen Dissertation (s. Buchhinweis unten) untersucht Edith Maienfisch diese Entwicklung am Beispiel der kaufmännischen Angestellten in der Schweiz. Sie beschreibt in ihrer Arbeit, wie sich damals Höhere Wirtschafts- und Verwaltungsschulen entwickelten, welche Betriebswirtschaftern aus der beruflichen Praxis heraus ohne Maturität weiterführende Ausbildungsmöglichkeiten eröffneten. Solche Schulen sollten praxiserfahrene Berufsleute ohne Studium an einer Universität zu Führungspositionen im wirtschaftlichen Bereich führen. Ziel der damaligen HWV-Schulen und später der Hochschulen für Wirtschaft (HSW) war es, wie es damals hiess, «den Studierenden die wirtschaftswissenschaftlichen Grundkenntnisse und eine erweiterte Ausbildung zu vermitteln und sie zu befähigen, anspruchsvolle betriebsökonomische Aufgaben in Wirtschaft und Verwaltung zu übernehmen (so der Artikel 60 des Bundesgesetzes über die Berufsbildung (BBG) vom 19. April 1978).

Wie stark damit den Bedürfnissen der Wirtschaft entsprochen wurde, belegt Maienfisch daran, dass sich bereits zur Eröffnung der ersten HWV in Zürich rund 90 anstatt der erwarteten 50 Studierwilligen anmeldeten. Nach weiteren Gründungen solcher Bildungsinstitute verdreifachte sich die Zahl der jährlichen HWV-Diplome zwischen 1971 und 1979 von 66 auf 196.

Bis in die 90er Jahre festigte sich das Profil der HWV-Schulen, aber bald wurde der Ruf nach einer Umwandlung in Fachhochschulen – nach dem Vorbild Deutschlands – deutlich. Höhere Fachschulen sollten dadurch so weit aufgewertet werden, dass ihre Diplome europakompatibel wurden. Hier hatte man die Wettbewerbsfähigkeit des Wirtschaftsstandorts Schweiz im Auge. Dies schien so dringlich, dass das ambitionierte Projekt in einem rasanten Tempo umgesetzt wurde und 1997 die ersten Höheren Fachschulen in Fachhochschulen umgewandelt wurden.

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