Das Unheilmittel

02-02-21 01:29:00,

Als 1948 die erste Kortisoninjektion eine Rheumakranke umgehend beschwerdefrei machte, fühlten sich die Halbgötter in Weiß schon auf dem Weg in den Olymp (1). 1951 wurde Kortison erstmals vollsynthetisch hergestellt und avancierte sofort zum neuen Allheilmittel der Ärzteschaft. Endlich eine Substanz, die binnen Stunden fast alle Krankheitssymptome bessern oder verschwinden lassen konnte.

Allerdings folgte die Ernüchterung auf dem Fuß. Alle Symptome kamen zurück und meist schlimmer als vorher, wenn die körpereigenen Mechanismen die Krankheit nicht selbst beseitigten. Heilung war mit Kortison weder bei Hautausschlägen, Rheuma, Asthma, Krebs oder den sogenannten Autoimmunkrankheiten zu machen. Unerwünschte neue Krankheiten dagegen schon: Osteoporose, Spontanbrüche von Wirbelkörpern, Absterben gelenktragender Knochen, erhöhte Infektionsanfälligkeit, Reaktivierung längst überwundener Krankheiten.

Als die Euphorie Anfang der 1970er-Jahre zunehmend abgeklungen war, folgte der nächste Vermarktungscoup: Kortison bei allen Verunfallten. Die hoch dosierte frühzeitige Gabe von Kortikosteroiden wurde zum Nonplusultra der Notärzte. Nach Wiederbelebungsmaßnahmen und einer Flüssigkeitsinfusion schien es keine wichtigere Maßnahme zu geben. Für Gehirn- und Rückenmarksverletzungen galt die Kortisonmedikation durch die sogenannte NASCIS-2- und NASCIS-3-Studien (NASCIS = National Acute Spinal Cord Study) als abgesichert. Weltweit erhielten jährlich circa 40.000.000 Verletzte eine entsprechende Erstversorgung (2, 3).

Eine genauere Betrachtung weckte allerdings Zweifel an statistischer Analyse, Vergleichbarkeit der Studiengruppen, Festlegung der Endpunkte sowie der Reproduzierbarkeit der Ergebnisse (4). In der NASCIS-3-Studie wurde ohnehin ganz auf einen Vergleich mit einer Placebo-Gruppe verzichtet. Erst 2004 erschien dann eine umfassende Studie mit mehr als 10.000 Patienten, die feststellte, dass hoch dosierte Kortikosteroide nach Schädel-Hirn-Traumen die Sterberate erhöhten (5). Dennoch dauerte es danach noch weitere 9 Jahre, bis der amerikanische Congress of Neurological Surgeons die Therapieempfehlung aufhob (6). Tatsächlich sind Kortikosteroide bei Traumapatienten ebenso unsinnig wie ein Aderlass, da Infektionen begünstigt und die Nervenfaserheilung gestört werden (7).

Ärztliche Kortikosteroidverordnungen haben jahrzehntelang Zigmillionen von Patienten in ihrer Rekonvaleszenz geschädigt oder deren Sterben auf Intensivstationen beschleunigt. Es war vor allem ein Autor, der mit vermeintlicher „Studienevidenz“ den Kortisonmythos über Jahrzehnte am Leben und in der Routine hielt (8) und mit etwa 400 Publikationen nicht nur äußerst umtriebig, sondern gleichzeitig Konsulent von zwei Kortikosteroidherstellern war. Bei der Metaanalyse von Cochrane (internationales Netzwerk zur Evidenzbasierung der Medizin), auf dem 1990 die Kortisonempfehlung beruhte, fungierte er als einziger(!) Gutachter (9).

Die Gabe von Kortikosteroiden erwies sich auch bei anderen Krankheitszuständen nur selten als hilfreich. Sinn machte sie nur,

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