Unstatistik: Wie eine «erdrückende Mehrheit» entsteht

Unstatistik: Wie eine «erdrückende Mehrheit» entsteht

18-10-18 07:48:00,

Urs P. Gasche / 18. Okt 2018 –

Es ist schlimm, dass viele Parlamentarierinnen in Europa sexuell belästigt werden. Doch wer übertreibt, kann ihnen schaden.

Die Interparlamentarischen Union (IPU) habe eine Studie vorgestellt, die zeige, dass

    «die erdrückende Mehrheit der europäischen Politikerinnen sexuelle Belästigungen aus eigener Erfahrung kennt»,

erklärte Moderatorin Katja Stauber in der Hauptausgabe der Tagesschau vom 16. Oktober.

Im Tagesschau-Beitrag hiess es dann, konkret hätten «68 Prozent der Frauen Erfahrungen mit sexuellen oder sexistischen Kommentaren gemacht. 47 Prozent haben sogar Mord-, Gewalt- oder Vergewaltigungsdrohungen erhalten.»

Grafik der Tagesschau vom 16. Oktober 2018

Insgesamt hätten etwa 85 Prozent aller Teilnehmenden von sexistischen Belästigungen berichtet, zitierte die Tagesschau SP-Ständerätin Liliane Maury Pasquier, welche die Studie mit lancierte.

Doch 85 Prozent oder 68 Prozent von was?

Mit Prozentzahlen können Zuschauende und Zuhörende wenig anfangen, wenn ihnen nicht gesagt wird, was denn die 100 Prozent sind.

Die Tagesschau unterliess es, darüber zu informieren, dass nur ein Drittel aller in 47 Mitgliedsstaaten der IPU befragten Parlamentarierinnen geantwortet haben. Diese insgesamt 82 Antworten sind die 100 Prozent. Von diesem Drittel aller Befragten gaben 70 (das sind die 85 Prozent) an, bereits einmal inner- oder ausserhalb des Parlaments sexuell belästigt worden zu sein. Von allen der 240 befragten Frauen ist das nicht einmal ein Drittel.

Aus Plausibilitätsgründen ist davon auszugehen, dass grossmehrheitlich diejenigen Frauen geantwortet haben, welche schlechte Erfahrungen gemacht hatten, und dass damit die Belästigungsquote bei den andern zwei Dritteln, die bei der Umfrage nicht mitmachten, viel kleiner sein dürfte.

Die Autorinnen der IPU-Studie erwähnten selber ausdrücklich, dass die Resultate «nicht den Anspruch [erheben], statistisch repräsentativ» zu sein.

Wenigstens diese Information hätte die Tagesschau nicht unterschlagen dürfen.

Auch Infosperber hat über diese Studie berichtet. Doch Infosperber-Autor Andreas Zumach wies in seinem Bericht unter dem Titel «Viel sexuelle Gewalt in Europas Parlamenten» darauf hin, dass die erschreckenden Ergebnisse relativiert werden müssen, weil eben zwei Drittel der Befragten bei der Umfrage nicht mitmachten und die Studie darum nicht den Anspruch erhebt, statistisch repräsentativ zu sein.

Immerhin: Im Unterschied zu privaten TV-Sendern und zu den meisten Printmedien hat die Tagesschau neben Infosperber über die Studie und die Zeugenaussagen der europäischen Parlamentarierinnen berichtet.

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Unstatistik: «80 Prozent der EU-Bürger gegen Zeitumstellung»

Unstatistik: «80 Prozent der EU-Bürger gegen Zeitumstellung»

09-10-18 09:20:00,

Urs P. Gasche / 09. Okt 2018 –

Online-Umfragen wie diejenige der EU-Kommission sind unseriös. Beim Abschaffen der Winterzeit nahmen vor allem Befürwortende teil.

Es geht um das Abschaffen der Zeitumstellung Sommer/Winter. «Eine Mehrheit der EU-Bürger will das», verbreitete Tagesschau-Moderator Franz Fischlin. Das Schweizer Fernsehen nahm eine Online-Umfrage der EU-Kommission in EU-Ländern am 31. August 2018 zum Anlass, als Aufmacher in der Hauptausgabe der Tagesschau über sechs Minuten lang über das Thema ausladend zu berichten.

Die «News» war eine EU-Umfrage wonach 84 Prozent der Bevölkerungen Europas dafür sind, dass die Sommerzeit das ganze Jahr gelten und die Umstellung auf die Winterzeit abgeschafft werden soll. Die Tagesschau verbreitete sogar die Resultate der einzelnen Länder:

SRF-Tagesschau vom 31. August 2018. Blau in den Kreisen = Wollen Winterzeit abschaffen. Rot = Wollen heutige Regelung mit Sommer- und Winterzeit beibehalten.

Doch stimmt das überhaupt?

«Unstatistik des Monats»

Die Statistiker Professor Walter Krämer der Technischen Universität Dortmund und Professor Gerd Gigerenzer vom Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung haben die EU-Statistik zur «Unstatistik des Monats» gekürt.

Den Statistikern geht es nicht um das Pro und Contra der Zeitumstellung. Doch die Online-Stichprobe der EU-Umfrage sei alles andere als repräsentativ. Die Hochrechnung auf die 84 Prozent Umstellungsgegner sei deshalb unseriös, und zwar aus folgenden Gründen:

  • Bei der Umfrage wurde kein repräsentatives Sample der Bevölkerungen befragt.
  • Alle konnten selber entscheiden, ob sie an der angebotenen Online-Umfrage mitmachen oder nicht. Das führt bei der angewandten Statistik zu äusserst heiklen Problemen.
  • Im vorliegenden Fall spricht viel für den Verdacht, dass vor allem Gegner der Zeitumstellung, denen das Verstellen der Uhren ein grosses persönliches Ärgernis bedeutet, die Mühe des Ausfüllens des Online-Fragebogens auf sich nahmen. Damit wären die Gegner der Zeitumstellung unter den insgesamt 4,5 Millionen Teilnehmenden der Umfrage überrepräsentiert und die erfolgte Hochrechnung der Gegner zu hoch.
  • Eher unterrepräsentiert sind dagegen Menschen, die alles beim Alten lassen wollen, oder die sich für das Problem nicht interessieren oder keine Meinung dazu haben. Die meisten dieser Menschen nehmen an solchen Umfragen nicht teil.

Die beiden Statistiker halten der EU-Kommission zugute,

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Unstatistik: Chinas CO2-Ausstoss grösser als der Nordamerikas

Unstatistik: Chinas CO2-Ausstoss grösser als der Nordamerikas

28-08-18 09:13:00,

Urs P. Gasche / 28. Aug 2018 –

Nach der NZZ verbreitet jetzt auch die «NZZ am Sonntag» die News, dass China das Klima stärker belastet als Nordamerika.

Wen überrascht es, dass die Schweiz mehr Treibhausgase oder Abfälle produziert als etwa Liechtenstein?

Unter anderen die NZZ und die «NZZ am Sonntag».

Beide Zeitungen verglichen die Emissionen an Treibhausgasen oder CO2

  • von China mit über 1400 Millionen Einwohnern mit denen
  • der USA und Kanadas mit zusammen 362 Millionen Einwohnern.

Die «NZZ am Sonntag» erstellte am 26. August 2018 mit solchen Vergleichen eine Rangliste der «grössten Luftverschmutzer» der Welt: China auf Rang 1 mit 28 Prozent aller CO2-Emissionen und Nordamerika auf Rang 2 mit «nur» 17 Prozent. Auf Rang 4 mit 8 Prozent Westeuropa mit 298 Millionen Einwohnern.

Grafik in der NZZ am Sonntag vom 25. August 2018. Zahlen des Jahres 2015

Eine vergleichende Länder-Rangliste macht meistens nur Sinn, wenn sie Emissionen, Abfälle oder Ausgaben für das Militär oder für das Gesundheitswesen pro Kopf berechnet und vergleicht.

CO2-Emissionen in Tonnen pro Kopf von dreissig Ländern im Jahr 2013 (Quelle: Statista):

Internationale Vergleichszahlen darf man nicht aufs Komma genau nehmen. Nicht berücksichtigt sind hier der Verbrauch von grauer Energie: Ein Land, das viele Waren importiert, kommt besser weg als ein Land, das viele Waren exportiert.

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Empfohlene Bücher über Unstatistiken und korrekte Statistik:

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