Unter „Covidioten“

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17-09-20 01:12:00,

Es ist Freitag, der 28. August 2020 und ich steige in den ICE von München nach Berlin. Der Anlass für meine Reise: Ich möchte mir ein eigenes Bild von der Corona-Demo der Initiative Querdenken-711 verschaffen. Zugegeben, es ist nicht meine erste Corona-Demo. Ende Mai war ich bereits auf einer Veranstaltung in Stuttgart und Mitte Juni auf einer Demo in München. Als ich die Bilder und Livestreams vom 1. August sah, traute ich meinen Augen nicht. Aus etwa 1.500 Demonstranten, die ich in Stuttgart erlebt hatte und vielleicht 300 Demonstranten in München sollten nun Zehntausende, angeblich sogar Millionen geworden sein.

Den ganzen 1. August über saß ich mit einer Gänsehaut vor dem Computerbildschirm und versuchte, die Dimension dessen, was dort in Berlin gerade vor sich ging, zu erfassen und einzuordnen. Im Nachhinein sah ich mir unzählige Videos von Leit- und Alternativmedien an, die von den Teilnehmerzahlen, den anwesenden Menschen und dem Verlauf des Tages handelten. Wenn der 1. August eine Netflix-Serie gewesen wäre, ich hätte mir alle Folgen an einem Tag angeschaut.

Im Zug sitze ich in einem Abteil mit einer Bundeswehrsoldatin. Überhaupt stelle ich fest, dass an diesem Tag ziemlich viele Soldaten unterwegs sind. Ein mulmiges Gefühl überkommt mich, insbesondere angesichts dessen, dass zu diesem Zeitpunkt die Demonstration noch immer verboten sein soll. Was, wenn wirklich eine Million Menschen nach Berlin kommen würde, um an einer nicht genehmigten Demonstration teilzunehmen? Könnte das — in Anbetracht der aufgeheizten Stimmung — überhaupt gut gehen?

Als der Schaffner unser Abteil betritt, um die Fahrkarten zu kontrollieren, kommt er mit der Soldatin ins Gespräch. Sie sprechen über die ehemalige innerdeutsche Grenze, die wir soeben passiert haben. Der Schaffner, aufgewachsen in der DDR, und die Soldatin, aufgewachsen in Westdeutschland, tauschen Kindheitserinnerungen aus. Irgendwann kommen sie auf den Kalten Krieg und auf Kriegspropaganda zu sprechen. „Es gibt da so einen Historiker, der Vorträge hält, auch über die Lügen in der Kubakrise“, sagt der Schaffner. „Der ist echt gut, aber verdammt, wie heißt der noch mal?“ „Ganser“, antworte ich lächelnd und verlasse das Abteil, um mir einen Kaffee zu holen.

Am nächsten Tag bin ich um 6.30 Uhr auf den Beinen. Eigentlich ist das wahrlich nicht meine Uhrzeit, doch an diesem Samstagmorgen bin ich schon um 6 Uhr hellwach. Ich erinnere mich, wie ich als kleiner Junge in der G-Jugend vor meinem ersten Fußballspiel ein ähnliches Kribbeln im Bauch verspürt habe.

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Unter dem Brennglas

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23-07-20 02:10:00,

Kapitalismus und „Freie Welt“ gehören zusammen — jedenfalls behaupten das die Befürworter des herrschenden Systems. Aber wie weit ist es in Krisenzeiten mit der Freiheit her? Wie in „normalen” Zeiten gilt auch hier das Primat der Maximierung des Reichtums Weniger, von denen einige bereits über einen obszön hohen Kontostand verfügen. Alles unterliegt in einem System von Konkurrenz und Wettbewerb dem Verwertungsinteresse der Kapitaleignerinnen und -eigner.

In jedem Geschäft hofft der Käufer auf eine Bedürfnisbefriedigung, auf einen Vorteil, für den er bezahlt; der Anbieter schielt letztlich auf nichts anderes als auf den in Geldwert ausgedrückten Profit, der aus dem Geschäft als Mehrwert für ihn herausspringt. Dabei ist das Produkt für ihn von untergeordneter Bedeutung. Ob der Mehrwert durch den Verkauf von Waffen, von Nahrungsmitteln, Gesundheitsprodukten, Versicherungspolicen oder durch Bildungs- und Erziehungsarbeit, durch Umweltschutz- oder Wohnungsbau-Projekte zustande kommt, das ist für die Rendite-Steigerung von untergeordneter Bedeutung. Je weniger „Kosten“ für den Kapitaleigner anfallen, umso höher die Profitaussichten, solange genug Kaufkraft kursiert, um mit dem Verkauf der erzeugten Produkte den Mehrwert realisieren zu können.

Befürworterinnen und Befürworter des Kapitalismus, den sie eher beschönigend „Marktwirtschaft“ nennen, vielleicht auch noch „sozial“ oder „ökologisch“, legitimieren unsoziale Verhältnisse wie einen Mindestlohn, der Altersarmut nach sich zieht, als Verteidigung von Arbeitsplätzen — in diesem Sinn erscheint unsoziale Politik im Gewand des Sozialen. Die neoliberal als modern verkaufte Variante dieses Betruges begründet selbst Krankenhausschließungen, Einsparungen im sozialen Bereich als ökonomisch, effektiv und effizient. Das Kurzarbeitergeld während des Corona-Lockdowns bedeutete für viele Geringverdiener ökonomische Not, während gleichzeitig Internetkonzerne weitere Milliardenprofite einfahren konnten.

Nach der Springerzeitung Die Welt vom 12. Mai 2020 müssen 20 Prozent der Bevölkerung mit weniger Geld auskommen, als vor der Krise (1). Im April 2020 waren circa 10,1 Millionen Menschen in Kurzarbeit, und circa 2,6 Millionen Menschen waren arbeitslos gemeldet (2).

Die Dunkelziffer umfasst junge Menschen, die nach Abschluss ihrer Schulbildung keinen Anschluss auf dem Arbeitsmarkt finden, hinzu kommen Studentinnen, die sich mit Nebenjobs über Wasser halten müssen, Papierlose, die keinen offiziellen Status haben, Rentnerinnen, die auf einen Zuverdienst angewiesen sind, um Altersarmut zu entkommen, und weitere nicht offiziell erfasste Menschen, etwa in Teilzeit- oder anderen prekären Arbeitssituationen.

„Menschen in Kurzarbeit hatten nicht nur Einbußen, sondern auch die größten Ängste um ihren Job. … viele Menschen, die auch vorher schon wenig verdient haben,

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Unter der Lupe

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18-07-20 12:28:00,

Sputnik: Herr Füllmich, warum will eine kleine Stiftung von vier Juristen eine große Pandemie mit großen Folgen aufklären?

Dr. Reiner Füllmich: Als Juristen machen wir das, weil wir selber uns vielleicht mehr als andere Bürger betroffen fühlen, wenn praktisch das gesamte Grundgesetz auf nicht absehbare Zeit ausgehebelt wird. Das ist unsere Motivation dafür. Aber wir können das auch, weil wir dafür ausgebildet sind. Mit dem Bestehen des zweiten Staatsexamens haben wir alle die Befähigung zum Richteramt. Typischerweise klären Juristen zuerst Sachverhalte auf und würdigen sie dann rechtlich. Es kann also passieren, dass wir im Rahmen unserer Untersuchungen zu dem Ergebnis kommen, dass hier grob fehlerhaftes Verhalten vorliegt. Das würde dann rechtlich zu Schadensersatz führen, aber natürlich auch politisch Konsequenzen haben. Wir glauben, das ist unsere ureigenste Aufgabe.

Was ist Ihr Hintergrund, warum machen Sie mit? Sie haben erzählt, dass Sie bis Mai in den USA gelebt haben. Warum mischen Sie sich jetzt in die Situation in Deutschland ein?

Ich bin sowohl hier als auch in Kalifornien als Anwalt zugelassen und auch tätig. Ich habe mit meiner Frau von Februar bis Ende Mai auf unserer Ranch in Nordkalifornien gelebt. Da haben wir nichts von dem ganzen Zirkus mitbekommen. Wir haben immer wieder von Freunden etwas gehört. Eine Freundin rief immer an und sagte, sie sei so froh darüber, dass wir mit ihr telefonieren, weil sie inzwischen völlig vereinsamt sei. Sie würde das gar nicht mehr aushalten. Das ist eine junge Frau mit einem alten Hund. Wir konnten das nicht nachvollziehen. Wir haben uns ja sozusagen selbst in die Isolation begeben, weil ich nach den ganzen stressigen Jahren im Gericht einfach mal weg von allem wollte. Das Einzige, was wir da an sozialen Kontakten hatten, waren ein paar Kühe und ein paar Klapperschlangen …

Ich habe dann aber immer deutlicher durch die Medien und durch Freunde gesehen, was hier passiert. Ich konnte nicht glauben, dass hier zum Beispiel die Meinungsfreiheit eingeschränkt wird, die ich für das wesentlichste Grundrecht überhaupt halte. Sie ist die Basis für eine Demokratie. Wenn man den Meinungsaustausch nicht mehr hat, dann ist man in einer Diktatur — oder jedenfalls kurz davor. Ich habe gesehen, dass die andere Seite, die es ja gab, aber nur nicht in den Mainstreammedien erkennbar war, nicht nur nicht gehört, sondern verunglimpft wurde.

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Wind unter den Flügeln

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15-07-20 09:04:00,

Der Zauber, der dem Anfang der neuen Friedensbewegung und dem Aufkommen neuer Alternativmedien im Jahr 2014 innewohnte, war 2019 nahezu verblasst. Schon hatte sich eine nahezu lähmende Routine eingeschlichen: im Februar die Münchner Sicherheitskonferenz, im Frühling der Ostermarsch und im Sommer dann Stopp-Ramstein. Die tausendste Analyse und Rede über die NATO, den Tiefen Staat, das Wirtschaftssystem stapelten sich übereinander und lockten, ob ihres repetitiven Charakters, immer weniger Menschen hinter dem Ofen hervor. Nicht, dass die Gefahren eines Krieges oder eines Wirtschaftskollapses vermindert wurden. Doch das Widerstreben gegen diese Machenschaften glich zunehmend dem aussichtslosen Kampf gegen Windmühlen, dem tagtäglichen Grüßen des immergleichen Murmeltiers und dem Saunabad einer nicht größer werdenden Szene der Friedensbewegten.

Zugleich machte sich bei vielen sichtbar Frust breit, da die Präsenz auf der Straße zunehmend von den – vermeintlichen – Ökologiebewegungen wie Fridays for Future (FFF) oder Extinction Rebellion (XR) dominiert wurde. Nun ging es plötzlich nur noch um das Klima. Klima hier, Klima da. Und während es unter dem Gesichtspunkt unserer Lebensgrundlage um das Klima dieser Erde zweifelsohne nicht gut bestellt ist, war es doch immer sehr zweifelhaft, ob diese Bewegungen wirklich autark, authentisch und frei von äußeren Einflüssen waren und in letzter Konsequenz nicht doch wirtschaftlichen wie machtpolitischen Interessen dienten – einer Green-Economy, die mit der „Wiedergutmachung“ selbst verursachter Schäden an unserem Planten noch Kapital schlagen möchte.

Das machte sich an zweierlei Aspekten bemerkbar. Zum einen das doch sehr unglaubwürdige Narrativ – sofern man sich seines gesunden Menschenverstandes bedient – eines jungen Mädchens, das sich mit einem Pappschild vor das schwedische Parlament setzt, und die globale Jugend sich plötzlich für den Klimawandel interessiert, während sie kurz davor noch unter Hashtags wie #Weltenbummler damit beschäftigt war, jeden Winkel dieser Erde per Flugzeug zu erkunden und ihr physisches Dasein mit einem peinlichen Selfie zu attestieren.

Zum anderen war die selektive Systemkritik auffällig. Man arbeitet sich ab an Kohlebaggern, Siemens-Projekten oder dem Flugverkehr – dessen kosmopolitischen Boardingtime-Lifestyle man kurz zuvor noch zelebriert hatte – aber ließ den CO2-Elefanten im Raum unkommentiert: das Militär. Weder FFF noch XR zeigten sich auch nur im Ansatz bereit, sich dieses sensiblen Themas anzunehmen. Es existierte schlicht einfach nicht. Und Friedensbewegung sei ja sowieso etwas Antiquiertes aus den 1980er-Jahren. So misslang nach mehr als einem Jahr auch der Schulterschluss zwischen Friedensbewegung und Fridays for Future.

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Unter die Haut

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12-06-20 12:56:00,

von Anne Trafton

Jedes Jahr führt ein Mangel an Impfungen zu etwa 1,5 Millionen vermeidbaren Todesfällen, vor allem in Entwicklungsländern. Ein Faktor, der Impfkampagnen in diesen Ländern erschwert, ist, dass es kaum eine Infrastruktur für die Speicherung medizinischer Daten gibt, sodass es oft nicht einfach ist festzustellen, wer einen bestimmten Impfstoff benötigt.

MIT-Forscher (Anm. d. Übers.: MIT steht für Massachusetts Institute of Technology) haben jetzt eine neuartige Methode entwickelt, um die Impfgeschichte eines Patienten aufzuzeichnen: Die Daten werden in einem für das bloße Auge unsichtbaren Farbstoffmuster gespeichert, das gleichzeitig mit dem Impfstoff unter die Haut gegeben wird.

„In Gegenden, in denen Impfpässe in Papierform oft verloren gehen oder gar nicht existieren und elektronische Datenbanken unbekannt sind, könnte diese Technologie die schnelle und anonyme Erfassung der Impfgeschichte von Patienten ermöglichen, um sicherzustellen, dass jedes Kind geimpft wird“, sagt Kevin McHugh, ehemaliger Postdoc am MIT, jetzt Assistenzprofessor für Bioingenieurwesen an der Rice University.

Die Forscher zeigten, dass ihr neuer Farbstoff, der aus Nanokristallen, sogenannten Quantenpunkten, besteht, mindestens fünf Jahre lang unter der Haut verbleiben kann, wo er Nah-Infrarot-Licht aussendet, das von einem speziell ausgerüsteten Smartphone erkannt werden kann.

McHugh und die ehemalige Gastwissenschaftlerin Lihong Jing sind die Hauptautoren der Studie, die in Science Translational Medicine erschien. Die Hauptautoren der Studie sind Robert Langer, Professor am David-H.-Koch-Institut am MIT und Ana Jaklenec, Forschungswissenschaftlerin am Koch-Institut für integrative Krebsforschung am MIT.

Vor einigen Jahren machte sich das MIT-Team daran, eine Methode zur Erfassung von Impfinformationen zu entwickeln, die ohne eine zentrale Datenbank oder andere Infrastruktur auskommt. Viele Impfstoffe, wie der Impfstoff gegen Masern, Mumps und Röteln (MMR), erfordern mehrere, in bestimmten Abständen verteilte Dosen; ohne genaue Aufzeichnungen erhalten Kinder möglicherweise nicht alle erforderlichen Dosen.

„Um gegen die meisten Krankheitserreger geschützt zu sein, sind Mehrfachimpfungen nötig“, sagt Jaklenec.

„In einigen Gebieten in den Entwicklungsländern kann dies sehr schwierig sein, da es an Daten darüber mangelt, wer geimpft worden ist, und ob sie zusätzliche Impfungen benötigen oder nicht.“

Um eine dezentralisierte Krankenakte „des jeweiligen Patienten“ zu erstellen, entwickelten die Forscher einen neuen Typ von Quantenpunkten auf Kupferbasis, die Licht im nahen Infrarot-Spektrum aussenden. Die Punkte sind nur etwa 4 Nanometer im Durchmesser, aber sie sind in biokompatible Mikropartikel eingekapselt,

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