Die verleugneten Opfer

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14-02-20 10:47:00,

Der früher am Potsdamer „Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr“ tätige Militärhistoriker Rolf-Dieter Müller muss sich dies zurechnen lassen. Denn er stützt sich in seinem SPIEGEL-Interview auf die Begründungen, die von den für die Einsätze verantwortlichen westlichen Alliierten auf die damals bereits einsetzende Kritik ins Feld geführt worden waren. Unser Autor widerlegt sie anhand von Fakten und Forschungsergebnissen deutscher und ausländischer Historiker.

Der Militärhistoriker Rolf-Dieter Müller bemerkt in seinem kürzlichen SPIEGEL-Interview mit Klaus Wiegrefe:

„Es war Krieg und es gab keinen Grund für die Briten, Dresden zu verschonen“ (1).

Damit stützt er die These von Sven Felix Kellerhoff, der am 19. Januar 2017 bei Welt.de schrieb:

„Manche behaupten, Dresden sei im Februar 1945 angegriffen worden, um die deutsche Identität zu zerstören. Die Wirklichkeit ist schlichter: Die Barockstadt wurde zerstört, weil die Royal Air Force es konnte“ (2).

Mit dieser schlichten Aussage traf Kellerhoff meines Erachtens des Pudels Kern.

Ein Jahr zuvor hatte der renommierte Historiker Ian Kershaw in seinem 2016 in der zweiten Auflage erschienenen Buch „Höllensturz“ den alliierten Bombenkrieg gegen Deutschland wie folgt mit, wie ich meine, deutlich klaren Worten beschrieben:

„In den letzten beiden Kriegsjahren kam der Horror, mit dem die Nationalsozialisten Europa überzogen hatten, zu den Deutschen zurück. Für die deutsche Zivilbevölkerung wurde die letzte Kriegsphase zu ihrer Hölle auf Erden. Millionen waren traumatisiert von der Angst vor den alliierten Bomben. Goebbels sprach von „Terrorangriffen“, und in diesem Fall log die Propaganda nicht. Der Bombenkrieg sollte die Bevölkerung terrorisieren, und das tat er auch; als ihre Städte ausgelöscht wurden, waren die Menschen schutzlos. Durch Luftangriffe wurden über 400.000 Menschen getötet, 800.000 verwundet; durch Angriffe, die aus militärischer Perspektive immer sinnloser wurden. Rund 1,8 Millionen Wohnungen wurden zerstört, fast fünf Millionen Menschen wurden obdachlos“ (3).

Anders als Rolf-Dieter Müller behauptet, kamen DDR-Historiker im vom Deutschen Verlag der Wissenschaften in (Ost-)Berlin 1968 herausgegebenen dreibändigen Geschichtswerk „Deutsche Geschichte“ zu ähnlichen Ergebnissen wie später Ian Kershaw, wenn sie schrieben:

„Trotz des unmittelbar bevorstehenden Zusammenbruchs Hitlerdeutschlands setzten die anglo-amerikanischen Luftstreitkräfte ihre Bombenangriffe gegen Städte fort. Die anglo-amerikanische Luftkriegsführung, die barbarische und terroristische Züge angenommen hatte, richtete sich in zunehmendem Maße vor allem auch gegen Ziele im zukünftigen sowjetischen Besatzungsgebiet.

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