Der Mut der Verzweiflung

03-11-20 01:39:00,

von Darren Allen

Viele würden gerne zu der „normalen“ Welt zurückkehren, die wir im vergangenen Jahr hatten; die „normale“ Welt, in der die wilde Natur überhaupt keine Rolle spielte, in der die totale, unterwürfige Abhängigkeit von Institutionen eine Voraussetzung für jegliche Art von produktiver Tätigkeit war, in der Kinder die ersten fünfzehn Jahre ihres Lebens in einem kleinen, hässlichen Raum eingesperrt waren und Erwachsene dafür bezahlt wurden, sie zu Dingen zu zwingen, die sie nicht tun wollten, in der eine winzige Tech-Blase aus Überfluss über einer globalen Fabrik unsäglichen Elends schwebte, die lebenslange sinnlose Entfremdungsaktivitäten — „Arbeit“ genannt — erforderte, um gerade genug Freiheit zu erlangen, um die hässlichen Artefakte zu konsumieren, die man sein Leben lang hasserfüllt hergestellt hat; die „normale Welt“, in der Liebe überhaupt keine mit Sinn behaftete Rolle spielte, ebenso wenig Wahrheit oder Schönheit.

Diese Welt aus brutaler Hässlichkeit, völlig immun gegen Qualität und Kultur, bestehend aus auffallend armseligen Menschen, die so sehr der Freude beraubt, so sehr von der menschlichen Natur abgeschnitten und so domestiziert sind, dass sie vierzig Jahre damit verbracht haben, entweder den Berg von Exkrementen namens „Karriere“ hinaufzukriechen oder passiv das zentral verabreichte Betäubungsmittel namens „Spaß“ zu konsumieren, um irgendwie einen Sinn im Dasein zu finden. Dies war „normal“.

Ja, die Welt wurde aktuell in einen abgeriegelten Hochsicherheitstrakt verwandelt, in dem wir nur noch über zentral gesteuerte Videobildschirme miteinander interagieren sollen, und das wenige, was uns an Kultur, Freiheit, sinnlichem Miteinander und — was die Armen betrifft — an der Möglichkeit, uns für ein paar weitere unangenehme Momente am Schatten des Lebens festzukrallen, übrig geblieben war, ist vollständig ausgelöscht worden oder steht kurz davor.

Und ja, die weitgehend huxleyanische Dystopie, in der wir bis vor einigen Monaten lebten, lüftet nun ihre Maske, um eine weitgehend orwellsche Dystopie zum Vorschein zu bringen. Und ja, es stimmt gewiss, dass diejenigen, die all dies zugelassen haben und weiterhin zulassen, unterwürfige Feiglinge sind, und es ist stimmt, dass all dies entsetzlich ist. Aber eines stimmt nicht, und zwar, dass das Leben im Jahr 2019 normal war, und es ist stimmt auch nicht, dass wir in diese „normale“ Welt zurückkehren müssen.

Denn es ist nicht normal, in einer Welt aus Betonwürfeln zu leben, allesamt verputzt mit Aufforderungen, Produkte zu erwerben, die einen vergiften.

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Corona: Die Verzweiflung eines Berliner Taxiunternehmers

08-04-20 04:01:00,

Der Rettungsschirm in der Theorie und in den täglichen Redensarten: eindrucksvoll. Der Rettungsschirm in der Praxis: in der Warteliste auf 69.000ster Stelle. „Die Verantwortlichen in Bund und Ländern haben die weitreichenden Folgen nicht bedacht“, hatte ich gestern in diesem Beitrag geschrieben. Sie haben wohl auch nicht bedacht, dass ihre Rettungsversprechen oft an der Praxis scheitern und damit als hohl erscheinen müssen. Unter den Berliner Taxifahrern gibt es zumindest einen guten Freund der NachDenkSeiten, Joachim Schäfer. (Siehe hier) Er hat den folgenden Hinweis geschickt. Was er schildert, ist ein Zeichen dafür, dass die Folgen der am 22. März verkündeten Entscheidungen von Bund und Ländern viel schlimmer sein werden, als viele heute denken. Umso mehr spricht für eine schnelle Revision der Lahmlegung unserer Gesellschaft und Wirtschaft. Albrecht Müller.

Die Verzweiflung eines Berliner Taxiunternehmers:

All das ist aber beinahe harmlos verglichen mit den Erfahrungen, die ich in den letzten zwei Wochen bezüglich der in den Medien immer wieder propagierten und gebetsartig wiederholten „Hilfs-Versprechungen“ für betroffene Kleinunternehmer gemacht habe. Es ist mir klar, dass jetzt auf die zuständigen Stellen eine hohe Belastung zugekommen ist, aber es ist auch klar, dass diese Epidemie nicht vom Himmel (und schon garnicht von heut auf morgen) gefallen ist. „Man“ hätte sich deutlich besser darauf einstellen können – und „man“ hätte sich Versprechungen, die „man“ nicht einhält, besser verkneifen sollen.

Peinlich, aber einmal mehr typisch für diese Stadt und diesen Senat, sind allein die Startschwierigkeiten beim Corona-Zuschuss bei der IBB. Angekündigt für vergangenen Freitag um 12.00 Uhr. Tatsächlicher Start: 13.00 Uhr. Dann war für mehr als 90 Minuten ständig die Verbindung unterbrochen (Server abgestürzt oder warum auch immer). Als ich dann endlich durchkam, stand ich (das war um ca. 15.45 Uhr) etwa an 69.000ster Stelle der Warteliste. Diese sollte nun kontinuierlich und zügig in der Zeit zwischen 6 und 23 Uhr abgearbeitet werden, deren Tätigkeit allerdings bereits gegen 19.00 Uhr eingestellt wurde (Serverprobleme?).

Quelle: Taxi Times

Kommentar: Als einer der ganz wenigen gewerkschaftlich organisierten Fahrer kann ich diesem unternehmerischen Kollegen leider nur zustimmen. Der Berliner Senat und die zuständigen Verwaltungen sind offensichtlich unfähig die Probleme auf der Straße zu realisieren. Die Wirklichkeitsverweigerung der letzten Jahre, die sich seit der Einführung des Mindestlohns gefährlich an der Existenz des Taxigewerbes in Berlin zu schaffen macht,

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Jenseits der Verzweiflung

23-08-18 11:51:00,

Verzweiflung überwinden
von Chris Wright

Als Linker bin ich Verzweiflung gewöhnt. Wie oft habe ich nicht – wie viele andere, die einen Hauch Menschlichkeit haben – allein in meinem Zimmer gesessen und bekümmert über die Erderwärmung gelesen, entsetzt ob der sengenden Hölle, die wir unseren Nachkommen zurücklassen?

Wie oft habe ich vor Wut und Abscheu erstarrt dagesessen und über die Straflosigkeit der „Kriegsherren“ nachgedacht, die durch einen Haufen Geld vor der wohlverdienten Strafe für ihre völkermörderischen Kriegsspiele geschützt sind – denn für sie sind es nur bürokratische, sehr ernste Spiele, die kluge politische Manöver erfordern, mit dem einzigen Ziel, noch mehr Macht und Reichtum an sich zu reißen.

Auf der einen Seite stehen die Henry Kissingers (die natürlich ewig leben) und Barack Obamas, die auf Cocktail-Partys ihre Runden drehen; sie werden von übelriechenden, machtanbetenden, unmoralischen Schleimern und im Gruppendenken gefangenen Menschenherden gefeiert und bei ihrem sozialen Aufstieg trotz unsäglicher Verbrechen nicht im Geringsten von ihrem Gewissen gestört.

Auf der anderen Seite stehen ihre Opfer: Tausende junge Leute, als Söldner nur ein Instrument der Mächtigen, die ihren letzten Atemzug in schlammigen Blutpfützen auf dem Schlachtfeld aushauchen; Kinder, die an den verstümmelten Körpern ihrer Mütter festhalten und auf der Straße nach deren Armen suchen, die bei einer Bombenexplosion abgerissen wurden; Väter, die nach Hause kommen, um festzustellen, dass ihr Haus und ihre Familie nicht mehr existieren.

Wie kann man nicht für immer daran verzweifeln, sowie an der Absurdität und Bedeutungslosigkeit einer solchen tragischen, grotesken Welt?

Es ist sehr einfach, keinerlei Hoffnung zu haben. Oder sich vor der Dummheit und Bösartigkeit des Spätkapitalismus misanthropisch in die eigene Innenwelt zurückzuziehen. Alles deutet fast überall scheinbar auf den Untergang hin. Man muss nicht jedes Anzeichen erneut interpretieren. Andere haben es bereits in wortgewandter Weise getan, und man muss nur die täglichen Nachrichten lesen oder über die Massenobsession mit Popstars und neuesten Videospielen sinnieren, um Gefahr zu laufen, endgültig den Glauben an die Menschheit zu verlieren.

Doch dann, wenn ich mich von der überwältigenden Finsternis abwende, durchdringt ein Gegenimpuls meine Gedanken, und ich denke an Goethe und Nietzsche: Lebensbejahung ist trotz allem eine tiefere Wahrheit als Pessimismus und Verzweiflung. Letzteres ist genau das,

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