Halbe Wahrheiten und ganze Lügen

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08-05-20 09:59:00,

Bundesweit existieren über 4000 Grabstätten und Ehrenfriedhöfe, auf denen Sowjetbürger bestattet wurden. Die meisten liegen im Osten Deutschlands. Dort fanden schließlich die letzten Schlachten statt, die zugleich auch die opferreichsten auf deutschem Boden waren.

Im Sommer 1939, noch bevor der erste Schuss gefallen war, wurde entschieden, im Dorf Sandbostel bei Bremervörde ein Kriegsgefangenenlager zu errichten. Vergleichbare Anweisungen waren zeitgleich auch in anderen Landesteilen ergangen. Während der sogenannten Westfeldzüge wurden im Lager Sandbostel etwa 30.000 Kriegsgefangene interniert. Nach dem Überfall auf die Sowjetunion im Sommer 1941 kamen weitere Zehntausende hinzu. Man spricht von 70.000 und mehr, Genaueres weiß man nicht. „Die Russen kamen in Fünfer-Kolonnen an und stützten sich gegenseitig, denn keiner von ihnen konnte alleine gehen. ‘Wandernde Skelette’ ist wirklich der einzig zutreffende Ausdruck“, sagte der Franzose Paul Roser in Nürnberg vor dem Internationalen Militärtribunal aus.

„Sie fielen reihenweise um, fünf Mann auf einmal; die Deutschen stürzten sich auf sie und schlugen sie mit Gewehrkolben und mit Peitschen.“

Die Ernährung der sowjetischen Kriegsgefangenen war sehr viel schlechter als die der Internierten aus anderen Nationen — in allen deutschen Lagern. Es war schließlich das erklärte Ziel der Naziführung in Berlin, die gefangenen Rotarmisten mit Hunger und Zwangsarbeit zu erledigen.

Sofern man sie nicht — wie beispielsweise in Hebertshausen unweit von Dachau 1941/42 geschehen — zu Tausenden erschoss: In den Lagern der Wehrkreise München, Nürnberg, Stuttgart, Wiesbaden und Salzburg hatten Einsatzkommandos der Gestapo 4.000 Kriegsgefangene nach ideologischen und rassistischen Kriterien „ausgesondert“ — Kommissare, Juden und Angehörige der Intelligenz. Heute wissen wir: Nächst den Juden waren die sowjetischen Kriegsgefangenen die größte Opfergruppe des deutschen Faschismus.

Die toten Russen in Sandbostel verscharrte man in Massengräbern neben dem Lager. Noch im Sommer 1945 ließ dort die Sowjetische Militäradministration in Deutschland (SMAD) ein sieben Meter hohes Mahnmal errichten. Auf einer daran angebrachten Tafel war in Russisch, Englisch und Deutsch zu lesen:

„Hier ruhen 46.000 russische Soldaten und Offiziere. Zu Tode gequält in der Nazigefangenschaft.“

1956 ließ die Landesregierung von Niedersachsen das Denkmal sprengen. Die Begründung lautete, die darauf genannte Zahl der russischen Toten sei falsch. Später legte man an anderer Stelle eine Kriegsgräberstätte an; drei Steine aus dem beseitigten Obelisk versah man mit der Inschrift „Euer Opfer/Unsere Verpflichtung/Frieden“ und stellte sie zwischen die Grabfelder „mit einer unbekannten Anzahl verstorbener sowjetischer Soldaten“.

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Viele Wahrheiten sind zu unangenehm

Viele Wahrheiten sind zu unangenehm

16-08-18 09:50:00,

Herr Tilgner, Sie waren einer der prominentesten deutschen Auslandskorrespondenten, haben vor einigen Jahren aber mit dem Journalismus im Land gebrochen und sind, was die Arbeit angeht, in die Schweiz ausgewandert. Die Eingriffe in Ihre Arbeit waren für Sie nicht länger hinnehmbar, wie man hört. Wie kam es dazu? Was war das Problem?

Es gab ein Grundproblem und einen Auslöser. Letzterer war eine eigentlich banale Geschichte: Am 18. August 2007 wurde mittags die Deutsche Christina M., die für die Organisation Ora International in Afghanistan arbeitete, aus einem Restaurant in Kabul entführt. Wie gewünscht habe ich am selben Abend für das »heute journal« des ZDF einen kurzen Beitrag gefertigt. Doch anders als vor allem die Kollegen der konkurrierenden Privatsender habe ich nicht über eine Verfolgungsjagd der Polizei berichtet, bei der ein unbeteiligter Taxifahrer erschossen wurde. Mir war bedenklich, dass die angebliche Verfolgungsjagd erst zwanzig Minuten nach der Tat begann.

Am nächsten Morgen bei der Bestellung des Folgestückes musste ich die Kritik schlucken, die »Verfolgungsjagd« nicht erwähnt zu haben. Dass die Geschichte hinten und vorne nicht stimmen konnte und offensichtlich inszeniert war, um die afghanische Polizei in ein gutes Licht zu setzen, stand für mich relativ schnell fest. So hatte mich der Geheimdienstchef von Kabul am Tag nach der Tat vor genau das Haus bestellt, in dem die Entwicklungshelferin gefangen gehalten wurde, was zu dem Zeitpunkt offiziell nicht bekannt war, erschien dann aber nicht zum vereinbarten Termin im von der Polizei komplett abgeriegelten Viertel.

Eine Nacht später wurde die Geisel befreit. Drei der Entführer versteckten sich im Garten des Nachbarhauses und ließen sich dort widerstandslos festnehmen. Offiziell hieß es, die Entführer hätten ein Schreiben mit ihren Forderungen beim afghanischen Privatsender Tolo abgegeben und wären anschließend von der Polizei bis zum Versteck der Entführten verfolgt worden. Dadurch sei es gelungen, den Schlupfwinkel der Täter zu ermitteln.

Dass ich in meinem Bericht über die »Befreiung« die Polizei nicht gelobt hatte, wurde von der »heute journal«-Redaktion kritisiert, ohne dass ich dazu befragt worden war. Dies ist zwar ein durchaus normales Vorgehen, da die meisten Berichte bewertet werden, ohne dass deren Verfasserinnen oder Verfasser beteiligt sind. Für mich war es jedoch ein Grund, aus der Haut zu fahren, als mir nachmittags die Kritik mitgeteilt wurde. Und dann blieb auch noch ein für den Morgen des nächsten Tages angekündigter Anruf aus Deutschland aus,

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Ukrainische «Wahrheiten»

Ukrainische «Wahrheiten»

06-06-18 08:59:00,

Christian Müller

Christian Müller / 06. Jun 2018 –

Die Ukraine zu verstehen ist nicht einfach. Selbst ein Blick in die «Ukrainskaia Prawda» verursacht eher Kopfweh.

Die «Wahrheit» heisst auf Russisch und Ukrainisch «Prawda». Manche erinnern sich noch an die «Prawda», die grosse und allwissende Zeitung in der Sowjetunion.

In der Ukraine gibt es noch immer – oder vielmehr wieder – eine «Prawda», eine «Wahrheit», die «Ukrainskaia Prawda», die «Ukrainische Wahrheit», eben. Es ist eine Internet-Zeitung, die 2000 gegründet wurde und dem Vernehmen nach zu den drei meistgelesenen Publikationen in der Ukraine gehört.

Dank der Übersetzung von Yvonne Ott und der Publikation auf der deutschsprachigen Plattform Ukraine-Nachrichten haben wir die Chance, auch auf deutsch zu lesen, mit welch kruden Ideen und absurden Vergleichen in der Ukraine gegenwärtig Stimmung gegen alles Vergangene, Fremde, ja sogar gegen die eigene Bevölkerung – weil zu wenig begeisterungsfähig für das Neue – gemacht wird. Michail Dubinjanskij, ein regelmässiger Kolumnist der Ukrainskaia Prawda, wünscht sich eine Ukraine nach dem Vorbild von Israel und nennt den gewünschten neuen ukrainischen Staat deshalb «Israel 2.0». Er selbst gehört nach eigener Aussage zu einer idealistischen Minderheit, deren grösster Feind die phlegmatische, spiessbürgerliche Mehrheit des Landes ist. Um die Ziele dieser seiner idealistischen Minderheit zu erreichen, ruft er konkret nach dem Zwang des Staates, ohne den es nicht vorwärts gehen kann.

Europäische Werte? Ein Land, das in die EU kommen soll?

Hier der Artikel von Michail Dubinjanskij in der Übersetzung von Yvonne Ott:

Israel 2.0

«Am 14. Mai 1948 tauchte der israelische Staat auf der Weltkarte auf. Ein einzigartiges Land, dessen Bürger zugleich als Vorkämpfer, Architekten und Krieger agierten. Siebzig Jahre später ist dieses Land für viele von uns eine Quelle der Inspiration und ein Nachahmungsbeispiel. Wenn wir von einer Transformation der Ukraine in ein neues Israel 2.0 träumen wollen, müssen wir geeignete Analogien finden.

Die patriotischen Ukrainer sind dabei mit den opferbereiten Zionisten, die ihren Staat von Grund auf neu aufgebaut haben, vergleichbar. Das benachbarte Russland – mit den feindseligen arabischen Ländern. Die prorussische fünfte Kolonne – mit den palästinensischen Arabern. Aber mit wem sind die Millionen von gewöhnlichen ukrainischen Bürgern vergleichbar?

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