Die Türkei wird sich weder auf die NATO noch auf die OKVS ausrichten, von Thierry Meyssan

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06-08-19 06:29:00,

Nach drei Jahren relativen Rückzugs von der internationalen Szene hat die Türkei ihren Weg genauer dargelegt. Während sie weiterhin Mitglied der Atlantischen Allianz und unter ihrem integrierten Kommando verbleibt, beabsichtigt sie ihre Unabhängigkeit in Anspruch zu nehmen. Sie wird Befehle weder von der Atlantischen Allianz, noch von der Organisation des Vertrags für kollektive Sicherheit (OKVS) annehmen. Was die Innenpolitik betrifft, will sie, obwohl sie sich selbst als muslimisch definiert, die Minderheiten auf nationaler Ebene integrieren und die den Vereinigten Staaten unterstehenden Elemente bekämpfen.

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Unter dem Porträt des Begründers der modernen Türkei, dem laizistischen Mustafa Kemal Atatürk, versucht Recep Tayyip Erdoğan den Wiederaufschwung der Türkei fortzusetzen.

Die Türkei ändert sich und die Vorhersagen von George Friedman, Gründer von Stratfor, erweisen sich als falsch. Wenn das ehemalige osmanische Reich sich auch entwickeln soll, wird es kein Vasall der USA sein.

Statt die Türkei mit westlichen Standards zu messen und sich über ihren neuen “Sultan” lustig zu machen, müssen wir verstehen, wie der “kranke Mann Europas” versucht, seinen kulturellen Rückstand zur Moderne und seine Niederlage im ersten Weltkrieges wett zu machen, ohne deshalb seine historische und geografische Besonderheit außer Acht zu lassen. In der Tat, ein Jahrhundert später, ist der von Atatürk inspirierte Weg nicht an sein Ende gekommen und die Probleme verbleiben.

Wir haben geglaubt, dass die Türkei mit der AKP eine umfassende islamische Demokratie werden und ihre Grundsätze der europäischen christlichen Demokratie angleichen würde. Allmählich knüpft sie wieder an ihre osmanische Größe an, indem sie der Wortführer der muslimischen Welt wird. Von den Vereinigten Staaten unterstützt, war sie bestimmt, eine wirtschaftliche Großmacht zu werden. Ihre Modernisierung und Verwestlichung verfolgend, wandte sie sich daher von ihrem ersten Kunden, Libyen, ab, dann von ihrem Wirtschaftspartner Syrien, und kooperierte immer mehr mit dem Westen.

Das Attentat in Marmaris auf den am 15. Juli 2016 neu gewählten Präsidenten, Recep Tayyip Erdoğan, das ein improvisierter Staatsstreich wurde, scheiterte jedoch als Umsturzversuch kläglich. Seit drei Jahren versucht die AKP dieses verrückte Geschehen zu verdauen. Sie begann eine Introspektion ihrer Politik. Sie inszenierte den dritten Jahrestag des Putsches, um ihre Positionen zu klären.

Erstens: im Gegensatz zu dem, was man zu verstehen glaubte, ist die moderne Türkei weder mit dem Westen, noch mit dem Osten. Sie definiert sich als ein Land, zugleich auf beiden Seiten dieser Welten,

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