Missbrauchte Wissenschaft

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09-02-19 09:31:00,

Zum einen erscheint die Nachricht sofort in allen deutschen Leitmedien, und zwar nicht unter der Rubrik „Werbung“, wo sie eigentlich hingehörte, sondern im redaktionellen Teil. Der Fernsehgucker und Leser denkt: TU München ist seriös, dann muss ja auch Facebook irgendwie seriös sein, also alles mit dem Datenmissbrauch nicht so schlimm, sonst würden die sich ja gar nicht trauen, ein Ethikinstitut zu installieren, sonst käme das ja ans Tageslicht. Gut fürs Facebook-Geschäft.

Zweitens Deep Marketing: Falls der Institutsleiter ein nicht gar so industriekritischer Geist ist, werden im Laufe der nächsten Jahre immer wieder unkritische und beschwichtigende Berichte zu Daten, Internet und Facebook aus erster akademischer Quelle erscheinen. Damit wird eine wissenschaftlich fundierte Theorie zur Nutzung von künstlicher Intelligenz im Sinne der Gewinnmaximierung der Großkonzerne erarbeitet. Es erfolgt weichenstellende, grundlegende, scheinbar unabhängige Wissenschaftsarbeit für die intellektuelle Diskussion und entsprechende Einflussnahme — im Sinne der Großkonzerne.

In drei Jahren erinnert sich keine Menschenseele mehr daran, wer eigentlich hinter dem Ethikinstitut steckt. Noch besser fürs Facebook-Geschäft.

Wie erfolgreich das Facebook-Ethikinstitut langfristig die Weichen zu Gunsten von Facebook stellen kann, steht und fällt mit dem Leiter des neuen, 6,5 Millionen schweren Instituts. Das wird Prof. Dr. Christoph Lütge sein, in der Tat kein gar so industriekritischer Geist. Ein kurzes Zitat aus seinem jüngsten Buch von 2018 mit dem Titel „Wirtschaftsethik“ sagt vielleicht mehr als tausend Worte. Auf Seite 33 steht:

„Man kann das Eigeninteresse — innerhalb der geeigneten Rahmenordnung — gewissermaßen als eine ‚moderne Form der Nächstenliebe‘ begreifen (…) Es gilt also nicht mehr der traditionelle Gegensatz zwischen gutem, altruistischen Verhalten und schlechtem Egoismus.“

Kurz: Jesus würde also heute Eigenliebe predigen. Interessante Aussage eines Ethikers. Nächstenliebe ist out, Eigeninteresse ist in, das ist unsere neue Ethik. Lütge hebt damit alle Ethik auf, das Kernproblem des Egoismus verschwindet, alles gut, was die Industrie macht, der Markt wird’s schon regeln. Absolute Freiheit für die Industrie und ihre Manager.

Lütge ist der ideale Mann für Facebook, ein waschechter Markt-„Fundi“. Ein vehementer Fundamental-Vertreter der neoliberalen Doktrin, dass die „unsichtbare Hand“ des Marktes alles gut macht, allen Egoismus auf geheimnisvolle Weise in Altruismus, in das Wohl aller verwandelt. Diese 250 Jahre alte Aussage von Adam Smith ist mit Blick auf die Finanzkrise von 2007/08 und die heutigen Umweltprobleme, Kinderarbeit, Plastikmüllberge, sozialen Schieflagen und so weiter und so fort nicht mehr wirklich zeitgemäß,

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Wir müssen die Wissenschaft schützen!

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28-01-19 09:31:00,

Bild: Paulina101/Pixabay/Pixabay-Lizenz

Intellektuelle Unredlichkeit am Beispiel der neuesten Debatte über die Gefahren der Luftverschmutzung

Wie wissenschaftliche Forschungsergebnisse mit einem Mal in das Zentrum einer heftigen politischen Diskussion geraten, erlebten wir jüngst mit der Debatte um die gesundheitlichen Folgen von Luftverschmutzung, Feinstaub und Stickoxiden. Ausgelöst wurde sie durch die Publikation eines Positionspapiers des Pneumologen (Lungenforschers) Dieter Köhler zusammen mit dem lange in der Automobilindustrie tätigen Ingenieurwissenschaftler Thomas Koch vom 22. Januar 2019.

In ihrem zweiseitigen Papier, das eher die Form einer Presseerklärung hat als einer wissenschaftlichen Stellungnahme oder gar Forschungsstudie, behaupten die Autoren keck, dass die von diversen Gesundheitsorganisationen (darunter die Weltgesundheitsorganisation WHO) geteilten Ansichten zu Gesundheitsgefährdungen durch Luftverschmutzung, Feinstaub und Stickoxide einer soliden wissenschaftlichen Grundlage entbehren. Die viele Studien zu den Gefahren von Luftverschmutzung hätten große Schwächen, die herangezogenen Daten wären einseitig interpretiert worden, und ganz generell seien die Stickoxidforscher parteiisch, so die Autoren.

Harter Tobak. Wäscht hier endlich mal jemand der wissenschaftlichen Gemeinschaft den Kopf und erklärt uns, wie es wirklich ist? Die gemachten Behauptungen wiegen derart schwer, dass man erwarten sollte, dass sie auch mit entsprechenden validen und starken Argumenten, bestenfalls harten wissenschaftlichen Belegen untermauert werden.

In diesem Fall wäre eine solche Stellungnahme wünschenswert und würde der wissenschaftlichen wie gesellschaftlichen Debatte in dieser wichtigen Frage sehr helfen. Schließlich ist das Thema um die mit dem Verkehr verbundenen gesundheitlichen Belastungen im Auto-Land Deutschland und den jüngsten Manipulationsskandalen von VW und Konsorten besonders brisant. Doch hier herrscht leider komplette Fehlanzeige: Statt der erwarteten wissenschaftlichen Belege begeben sich die Autoren in eine peinliche Scheindebatte mit teils haarsträubenden Begründungen, die doch sehr an die Argumentationsmuster von Klimawandelleugnern und Tabaklobbyisten erinnern. Betrachten wir sie im Folgenden im Einzelnen.

Korrelation und Kausalität

Als erstes ziehen Köhler und Koch das banale Argument heran, dass Korrelationen keine Kausalitäten darstellen. Wir kennen diese Aussage aus anderen wissenschaftsskeptischen Zirkeln. Was sie für viele Menschen so verführerisch macht, ist, dass sie wahr ist, auch wenn sie gar keine Anwendung findet.

Natürlich können wir aus einer Datenstudie, die uns Korrelationen aufzeigt, niemals ganz sicher auf Kausalitäten schließen. Wer das behauptet (oder als Kritikpunkt an einer bestehenden Auffassung anführt), hat das Wesen der Wissenschaft nicht begriffen. So wie eine wissenschaftliche Theorie niemals mit dem Anspruch auf letzte Wahrheit auftreten kann,

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Wissenschaft – Helfer für Wirtschaft und Machteliten

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07-01-19 03:05:00,

Die Einbahnstraße des Fortschritts – Teil 2

Die akademische Wissenschaft ist längst schon zur Entwicklungsstube der Industrie geworden (Missbrauchte Wissenschaft). In den Naturwissenschaften werden – ohne jegliche ethische Erdung und soziale Kontrolle – immer abenteuerlichere und monströsere Projekte (Biotechnologie, Genetik, Künstliche Intelligenz, Waffenrobotik, Quantenphysik, Large Hadron Collider (Teilchenbeschleuniger), Kernfusionsreaktor, Marskolonisierung) mit Milliardenaufwand und meist zugunsten des globalen militärisch-industriellen Komplexes gefördert.

Teil 1: Fortschritt – das war mehr Effizienz beim Töten

In den Sozialwissenschaften verödet Forschung zu kleinstteiligen Arbeitsaufgaben, die empirisch durchkonjugiert werden und – im Fall der Verhaltensökonomie – behavioristische Psychologie der 1950er Jahre in unterkomplexer Form wieder entdecken. Dazu kommt, wissenschaftliche Ideenproduktion wurde in gesellschaftlich irrelevantes Selbstmarketing. Die großen Einfälle und widerständigen Entwürfe sind wie weggeblasen, belanglose Selbstgefälligkeiten haben die authentische und für die Politik unbequeme Beschäftigung mit den großen Fragen von Gesellschaft weitgehend abgelöst. In die Wissenschaften fließt immer mehr Geld, die revanchieren sich dann mit Forschungsergebnissen wie “Kleine Hunde heben ihr Bein höher”.

Und Politik ist, selbst wenn heute reichlich Geld für dienliche Studien und exorbitant viele Steuergelder sowie von den kalifornischen Internetgiganten viel Anschubgeld für die Wissenschaften ausgegeben, ziemlich wissenschaftsresistent, was kritische Sozialforschungsergebnisse, die es in Nischen noch gibt, anlangt. Gerne hingegen werden die Ergebnisse der Meinungsforschung angenommen, wenn sie sich nutzbringend publizistisch verwenden lassen, ist dies nicht der Fall, landen auch sie in Schubladen.

Biotechnologie

Die Biologie ist heute zur “synthetischen Biologie”, zum Bioengineering, aufgerückt. Dabei geht es um die ingenieurmäßige Umgestaltung der existierenden DNA, des Genoms. Im wesentlichen sollen damit technische Vorstellungen in das existentielle Dasein von Lebewesen implementiert werden. Ziel ist, eine ökonomische Anwendung, eine industrielle Verwertung dieser Eingriffe zu schaffen. Nicht mehr wie bei der alten Gentechnik, die “Ausmerzung” (ja, der Begriff mag belastet sein) von ausgemachten Fehlern der Natur, sondern die Natur nunmehr als Baustein für menschlich ausgeknobelte Technik. Das ist Frankenstein-Biologie, die jedoch nicht verdammt oder geächtet, sondern befürwortet und selbstverständlich – im Sinn des Fortschritts – finanziell gefördert wird.

Kritisch gesehen: Bioingenieure sehen sich als moderne Götter, die die Natur beherrschen und völlig Neues schaffen wollen – nicht zur Erbauung, wie Kunst, sondern zur industriellen Verwertung, also als Geldmaschine (Technologische Allmachtphantasien).

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