Mehr als tausend Worte

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07-09-20 08:01:00,

„Das Bild ist die Mutter des Wortes“, schrieb der deutsche Schriftsteller und Mitbegründer der Dada-Bewegung Hugo Ball, und schon Leonardo da Vinci wusste: „Der Mensch, das Augenwesen, braucht das Bild.“ Die Bildern zahlreich zugeschriebene Wirkung, mehr als tausend Worte zu sagen, ist auch und gerade in Politik und Weltgeschichte längst Legende.

Das Bild, das für die aktuelle Krisensituation prägend war und ist, stammt von keinem professionellen Fotografen, auch keinem ambitioniertem Foto- Amateur — was die Authentizität der Aufnahme noch steigert —, ja, es wurde nicht einmal mit einer klassischen Kamera angefertigt, sondern mittels eines Smartphones.

Bergamo, Lombardei, Via Borgo Palazzo, 18. März 2020: Der Flugbegleiter Emanuele di Terlizzi bemerkt ungewöhnlichen Lärm, begibt sich auf den Balkon seiner in der dritten Etage gelegenen Wohnung und sieht eine lange Kolonne von Militärlastwagen. Mit seinem Smartphone fotografiert er den seltsamen Konvoi, im Glauben, dieser sei auf dem Weg ins nahe gelegene Mailand, um beim Bau eines provisorischen Krankenhauses zu helfen. Di Terlizzi versieht das Bild mit einer aufmunternden Botschaft und lädt es auf Instagram hoch.

So erzählte er es Lucien Scherrer, Redakteur der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ), der ihn in Bergamo besucht hatte, um über einen „jungen Italiener“ zu recherchieren, der „unsere Sicht auf das Coronavirus verändert hat“ (1).

Noch in derselben Nacht, berichtete di Terlizzi weiter, korrigierten ihn Kollegen, dass es sich in Wirklichkeit um Leichentransporte in andere Städte handelte, da das Krematorium in Bergamo überlastet war. Ein Kollege teilte daraufhin das Bild der ungewöhnlichen Kolonne in einem 2.500 Mitglieder umfassenden Internet-Forum, und bereits am nächsten Morgen findet sich das Bild auf zahllosen Titelseiten und Portalen rund um den Globus: von Malaysia Free Today zum Edmonton Journal nach Kanada und zur BBC in London. Und in Deutschland erkannte die Berliner Morgenpost eine „dramatische Warnung aus Italien“, während die Bild „schockierende Bilder aus Italien“ sah.

Neben den üblichen worthülsenartigen Betroffenheitsverlautbarungen aus Politik und Presse in Italien komponierte der „Frontmann“ von Pooh, einer der populärsten italienischen Musikgruppen mit mehr als 100 Millionen verkaufter Schallplatten und CDs, Roby Facchinetti nach „einem frühmorgendlichen Schock über ‚dieses Foto‘“ (NZZ) sogleich das Lied „Rinascerò, rinascerai — Ich werde wiedergeboren, du wirst wiedergeboren“, das bis dato auf YouTube fast 16 Millionen Mal aufgerufen wurde (2).

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Friedhof der Worte – dieses Projekt darf nicht sterben | KenFM.de

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22-05-20 06:49:00,

Von Dirk C. Fleck.

Mit dem Wortfriedhof wollen wir jener Vokabeln und Begriffe gedenken, die sich im deutschen Sprachgebrauch aus unterschiedlichsten Gründen erschöpft haben. Sie lassen sich nicht mehr benutzen. Sie wurden gemordet, vergewaltigt, denunziert, diskriminiert oder der Lächerlichkeit preisgegeben. Manche haben vor dem Zeitgeist kapituliert, andere sind im Dienste sich wandelnder Werte und Erkenntnisse untergegangen oder waren einfach nur zu schwach, um sich zu behaupten. Um die Verluste überschaubar zu halten, beschränken wir uns auf Worte, die uns im 20. und 21. Jahrhundert abhanden gekommen sind.

Der Friedhof der Worte erinnert daran, dass die Sprache ein organisches Wesen ist. Wenn man ihm genügend Poesie zuführt, regeneriert es sich selbst – gleich einem Baum unter dem ausschließlichen Einfluss von Licht und Wasser. Aber Sprache ist eben nicht nur Literatur, sie ist der kleinste gemeinsame Nenner für alle Menschen. Und damit das am meisten belastete Transportmittel der Kommunikation – strapaziert von ideologischen, politischen, wissenschaftlichen, bürokratischen und technischen Ansprüchen. Im Gegensatz zu anderen Künstlern sieht der Dichter sein Instrument permanent missbraucht. Die Meister der Sprache vermögen sich kaum Gehör zu verschaffen vor lauter banalem Wortgeklingel.

Das Bühnenbild

Zu besichtigen ist der Wortfriedhof auf der Leipziger oder Frankfurter Buchmesse. Auf einer Ausstellungsfläche von ca. 1500 Quadratmetern.

Ideal wäre es, ihn im Freien, wenn möglich hinter dem Eingangsbereich auf der Fläche zwischen den Hallen, zu installieren. Vom Eingang mit Engeln („Am Anfang war das Wort“) über die Friedhofsmauer, den Wegeplan, die Bepflanzung bis hin zu der Grabsteinarchitektur entwerfen wir eine Miniaturausgabe des gepflegten Waldfriedhofs. Nur dass unser Friedhof nicht von Bäumen umstanden wird sondern von Werbetafeln und Leuchtschriften, die ihre entseelten, aggressiv-banalen Botschaften bis an den Rand der Ruhestätte abfackeln. Die Grabinschriften („Unser Glaube lehrt Auferstehung“, „Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis“, „Beweint und unvergessen“) sind ebenso Zitate der deutschen Friedhofskultur wie die Rabatte und die Ruhebank mit plätscherndem Brünnlein. Es duftet nach frischer Erde und Blumengebinden, die neben einer ausgehobenen Gruft aufgehäuft sind.

Inhaltlich beschränken wir uns auf vier Schwerpunktthemen:

Die Liebe. Dieses Grab steht im Mittelpunkt der Anlage. Es ist um die zentrale Engelsfigur gruppiert. Hier sind Worte bestattet, die den Anspruch der Liebe formulieren,

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Deutliche Worte des russischen Außenministeriums zum Fall Julian Assange | Anti-Spiegel

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28-02-20 03:18:00,

Das russische Außenministerium hat am Donnerstag in sehr deutlichen Worten Partei für Julian Assange ergriffen. Die russische Position steht in völligem Gegensatz zu dem, was die deutsche Bundesregierung zu dem Fall sagt.

Ich habe oft genug berichtet, dass die Bundesregierung sich zu den Foltervorwürfen der UNO gegen Assange nicht äußert. Sie hat sogar offen gesagt, die Berichte der UNO zu dem Theman nicht zu lesen.

Russland lässt sich so nicht abspeisen. Es ist bemerkenswert, dass in unseren Tagen Dissidenten und Kritiker wie Assange oder Snowden im Westen verfolgt werden und sich Russland mit Nachdruck für sie einsetzt. Im Gegensatz zur Zeit des Kalten Krieges, als Dissidenten in der Sowjetunion verfolgt wurden und der Westen ihnen Schutz bot, scheint es heute genau umgekehrt zu sein: Dissidenten suchen in Russland Schutz vor politischer Verfolgung im Westen.

Aus Anlass des nun begonnenen Auslieferungsverfahrens gegen Assange hat sich die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharova, deutlich wie selten zu dem Umgang Londons mit Assange geäußert. Ich habe diese offizielle Erklärung des russischen Außenministeriums übersetzt.

Beginn der Übersetzung:

Dieses Thema sprengt natürlich alle Grenzen des Vorstellbaren. Wie Sie wissen, hat am 24. Februar in London die Verhandlung über die Auslieferung von Julian Assange an die Vereinigten Staaten begonnen. Wir alle wissen sehr gut, wie diese Auslieferung enden wird, wenn sie umgesetzt wird. Es gibt reichlich Beispiele. Ich möchte Sie an Maria Butina erinnern, die unbegründet 117 Tage in Einzelhaft gesessen hat.

Der Zustand von Julian Assange ruft nicht nur einfach Besorgnis hervor, er wird von internationalen Experten als kritisch bezeichnet. Der Grund dafür ist nicht sein Alter oder seine schlechte Gesundheit, sondern die langfristigen Auswirkungen von psychischer Folter. Ich zitiere einen Experten. Wir müssen das verstehen. Wir sind jetzt schließlich im Jahr 2020 und wir sprechen über einen Menschen, der lange Zeit psychologischer Folter ausgesetzt wurde.

Lokale Beobachter in Großbritannien prognostizieren, dass der Prozess in die Länge gezogen wird und erwarten das Urteil in ein paar Monaten, der Mai wird als wahrscheinliches Datum für die Bekanntgabe der Entscheidung des Gerichts genannt. Auf diese Weise wird der Journalist, der ohnehin schon seit mehr als sieben Jahren in Haft ist, weiterhin gequält und als letzte Stufe droht ihm, wenn er ausgeliefert wird, eine lebenslange Freiheitsstrafe von bis zu 175 Jahren.

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Sehr deutliche Worte: Das russische Fernsehen analysiert die aktuellen Problemen in der EU | Anti-Spiegel

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01-12-19 07:15:00,

Das russische Fernsehen brachte am Sonntag in der Sendung „Nachrichten der Woche“ eine wirklich spitzzüngige, aber gelungene und umfassende Analyse der Situation der EU in diesen Tagen, denn die Liste der Probleme und Meinungsverschiedenheiten in der EU ist so groß, wie wahrscheinlich nie zuvor.

Probleme gibt es in der EU in diesen Tagen reichlich und von manchen hören wir in Deutschland nicht einmal etwas. Der Brexit ist ein Thema,auch die neue Kommissionspräsidentin von der Leyen, die einen sehr schlechten Start hatte, ist ein Thema. Auch Streitigkeiten zwischen Berlin und Paris über die Zukunft der EU gibt es. Gleichzeitig hat Macron der Nato den „Hirntod“ diagnostiziert und sich gegen eine versprochene EU-Erweiterung gestellt. Zu allem Überfluss schießt dann auch noch Polen quer. Und – das Thema spielt in deutschen Medien keine Rolle – der Transitvertrag für Gas durch die Ukraine läuft am 1. Januar aus und es gibt keinen neuen Vertrag, was zu Engpässen bei der Gasversorgung führen kann, da Nord Stream 2 zum 1. Januar die Arbeit noch nicht aufnehmen kann.

Es sind so viele Probleme, wie lange nicht (oder vielleicht noch nie zuvor) und das russische Fernsehen hat sie alle in zwei aufeinanderfolgenden Beiträgen behandelt, die ich hier beide übersetzt habe.

Beginn der Übersetzung:

Das Treffen von Putin und Selensky in Paris findet in wenigen Tagen statt. Unter vier Augen? Der Kreml bestätigt dies jedoch nicht, so dass das Gespräch vielleicht nur zu viert stattfinden wird, in Anwesenheit der Staats- und Regierungschefs Frankreichs und Deutschlands, Macron und Merkel. Es geht um die Themen Donbass und Gas. Große Erwartungen gibt es nicht, denn die Position von Selensky ist widersprüchlich und sein politisches Gewicht zu Hause ist im Sturzflug. Zumindest zeigen das die Daten, die kürzlich vom Kiewer Internationalen Institut für Soziologie veröffentlicht wurden. Demnach ging die Zustimmung für Selensky in der Ukraine seit Herbstanfang um 21 Prozent auf und jetzt 52 Prozent zurück und zur psychologisch wichtigen Marke von 50 Prozent fehlt nicht mehr viel. Wenn es so weiter geht, wird sie sehr bald durchbrochen.

Nach Erhebungen eines anderen soziologischen Institutes der Ukraine, dem „Fonds demokratischer Initiativen“, ist das bereits geschehen, wenn es um die Frage geht, ob sich das Land in die richtige Richtung bewegt. Im August meinten mehr als die Hälfte der Ukrainer,

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