Die Zinsfalle

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30-11-19 09:11:00,

Das in den Ökonomie-Lehrbüchern zugrunde gelegte Axiom vom Zinseszins bedeutet, dass, betriebswirtschaftliche gesehen, künftige Ein- und Auszahlungen auf- oder abgezinst werden müssen.

Ein Beispiel: Nehmen wir an, ein Atomstromkonzern muss Rückstellungen für die Lagerung abgebrannter Brennstäbe für mehrere tausend Jahre bilden. Bei einem Zinssatz von 10 Prozent entsprechen

1 Millionen Euro in 10 Jahren heute 385.543 Euro,

1 Millionen Euro in 25 Jahren heute 92.296 Euro,

1 Millionen Euro in 50 Jahren heute 8.519 Euro,

1 Millionen Euro in 75 Jahren heute 786 Euro,

1 Millionen Euro in 100 Jahren heute 73 Euro,

1 Millionen Euro in 150 Jahren heute 56 Cent,

1 Millionen Euro in 200 Jahren heute 1 Cent.

Das heißt: Eine Million Euro in 200 Jahren sind bei einem Zinssatz von 10 Prozent pro Jahr unter Berücksichtigung der gängigen betriebswirtschaftlichen Zinseszinsrechnung heute nur einen Cent wert. Mit anderen Worten: Das Lagern von Atommüll ist ab einem bestimmten Zeitpunkt in der Zukunft praktisch kostenlos. Daher war Atomstrom lange Zeit so billig auf dem stark verzerrten Markt zu haben. Würden die Kosten der Lagerung radioaktiver Abfälle realistisch bewertet, wäre Atomstrom die bei weitem teuerste Stromform überhaupt (1). Durch das Zinseszins-Denken werden alle künftigen Lasten und Nutzen so stark abgewertet, dass sie bei heutigen Entscheidungen keine nennenswerte Rolle mehr spielen. Die Bedürfnisse unserer Kinder oder gar Enkelkinder zählen nicht.

Das kann man verallgemeinern: Der Schaden, den eine Investition in ferner Zukunft auslöst, ist in der derzeit angewandten betriebswirtschaftlichen Rechnung heute fast nichts wert und wird deshalb bei den Investitionsentscheidungen auch nicht berücksichtigt. Das Gleiche gilt für die Erträge. Entscheidend ist, wie stark sich die Investition innerhalb der nächsten etwa zehn bis zwölf Jahre rentiert.

Danach kann die Welt unter Ertragsgesichtspunkten untergehen — die Rentabilität beeinflusst das kaum mehr. Die Unternehmen werden daher in unserem gegenwärtigen Zinseszinssystem gedrängt, vor allem die kurzfristigen Vorteile zu berücksichtigen. Langfristige Schäden spielen bei den Entscheidungen praktisch keine Rolle. „Sie holzen Bäume ab, die über Generationen gewachsen sind, zerstören Böden und Fischbestände für kurzfristigen Ertrag, ruinieren unser Klima und riskieren Endlagerkosten für atomare Abfälle für hunderttausend Jahre. Der Erhalt von Trinkwasserquellen, sauberer Luft, Artenvielfalt, tropischen Regenwäldern und dem klimatischen Gleichgewicht ist nicht rentabel“ (2).

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